Weiche Faktoren – Harte Fakten
Grundsätzliches zur touristischen Strukturentwicklung im ländlichen Raum

Welches Möbelhaus feiert eine große Eröffnungsparty mit attraktiven Lockangeboten – und sperrt am nächsten Tag den Laden zu? Welches private Bad ist am Sonntag und in den Ferien – wenn die meisten Leute Zeit haben – geschlossen? Wer schnippelt den ganzen Tag einen aufwändigen Salat – und denkt nicht daran, diesen mit einem geeigneten Dressing zu veredeln?
Diese Metaphern mögen absurd scheinen und doch werden sie in der westmittelfränkischen Realität allzu häufig übertroffen. Deshalb die folgenden Anmerkungen eines „Betroffenen“:

Mit großem Aufwand werden bei uns in jüngster Zeit Wanderwege ausgewiesen, sinnvoll beschildert und mit Fördermitteln unterstützt. Prima!? Einen Wandertag organisiert niemand! Die „Hardware Wanderweg“ wird sich selbst überlassen. Wenn es noch weitere Fördermittel gibt, dann wird auch noch ein Flyer gedruckt – das war’s dann. Enttäuscht äußern sich die Verantwortlichen dann über die traurige Resonanz: „Was soll man denn noch alles machen? Jetzt hat man so viel Geld ausgegeben und trotzdem bleibt das Ergebnis mangelhaft.“

Mit gewaltigem Besucherzuspruch findet jedes Jahr im August das Fränkische Weidefestival in Schönbronn statt – eine landwirtschaftliche Leistungsschau der Superlative für die ganze Familie. Aber bereits einen Werktag später kann man in dem idyllischen Schönbronn weder ein Käsebrot noch ein Rindersteak noch ein Glas Milch kaufen. Schade! Einzelfälle? Mitnichten, leider ist dieses Phänomen auf dem Vormarsch.

Der Rothenburger OB Walter Hartl klagt, dass man doch vor Jahren viel Geld für die Austragung des Einzelzeitfahrens der Bayern-Rundfahrt ausgegeben habe, die Resonanz auf die erfolgreiche Veranstaltung aber vollkommen ausgeblieben sei. Tragisch? Nein, logisch! Rothenburg ist mit dem Thema „Radfahren“ seither nie wieder in Erscheinung getreten.

Anders bei der Region Hesselberg: Nach der Etappenankunft der Deutschlandtour 2008 auf Mittelfrankens höchstem Berg und dem Profistart in Herrieden wurde die breitensportliche „Tour de Hesselberg“ gleichsam im Windschatten der Profis neu ausgerichtet und auf zwei Tage ausgedehnt. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: fast 700 Starter aus ganz Deutschland, die größtenteils auch übernachteten, stellen aktive Werbe-Multiplikatoren dar, die auch noch Geld in der Region lassen. Überhaupt bieten die boomenden Ausdauersportarten hervorragende Möglichkeiten, unsere Heimat aktiv wahrzunehmen. Gleichzeitig erzielen sie dynamische Impulse bei der eigenen Bevölkerung einerseits und eine große mediale Außenwirkung andererseits. Wichtig scheint in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass das Feuerwerk einer Großveranstaltung mindestens in eine stetig glimmende Glut überführt werden muss, dass im Windschatten eines „Events“ die gewünschte Entwicklung in die Breite aktiv begleitet werden muss. Wer die beiden Lauf-Großereignisse „Rothenburger Lichterlauf“ und „Lauf um die Dinkelsbühler Altstadt“ erlebt hat, wird bestätigen, dass es kaum eine intensivere physische Auseinandersetzung mit unserer Historie geben kann, die schon beim Zuschauen begeistert.

Aus guten Gründen führten viele Schulen in der Region vor Jahren Skilager in den Alpen ein, die mittlerweile ebenfalls aus guten – nämlich ökologischen und finanziellen - Gründen häufig durch Sommersportwochen ersetzt wurden. Auch wenn der Charakter dieser Fahrten sich geändert hat, oft steuert man noch die alten Zielorte an – Tourismushochburgen im Alpenraum. Bei einwöchigen Fahrten opfert man dabei zwei halbe Tage für die – noch dazu gar nicht so günstige – Hin- und Rückfahrt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein begeisterter 14-Jähriger nach seiner Rückkunft bald Kontakte zum Alpenverein im Kleinen Walsertal knüpft, regelmäßig auf dem Alpsee paddelt oder sich beim Mountainbikeverein Oberstdorf anmeldet, geht gegen Null. Dabei kann die „Sommersportwoche“ auf dem eigenen Schulgelände beginnen: Radfahren, Schnuppersurfen und –segeln auf den fränkischen Seen, Klettern im Altmühltal oder im vereinseigenen Kletterturm, Fossilienjagd in Solnhofen, Paddeln auf der Altmühl, Übernachten auf dem Erlebnisbauernhof, Inlineskaten auf dem asphaltierten Teil des Altmühlradwegs, Bogenschießen beim heimischen Schützenverein, römisches und keltisches Leben am rätischen Limes, Rückfahrt mit dem VGN. Billig sind bei diesen Erlebnis-Modulen nicht die Inhalte, sondern lediglich die Gebühren! Es besteht eine reale Chance der Anbindung im Alltag an das in der Sommersportwoche Erlebte. Einen stärkeren Trend hin zum aktiven Erleben der eigenen (unbekannten) Heimat wird man freilich nicht mit dem erhobenen Zeigefinger erreichen, sondern durch eine attraktive, kreative Präsentation des vermeintlich Bekannten.

Die Botschaft realer und wünschenswerter Beispiele lautet: Man muss nicht weit wegfahren, um sich zu erholen und schöne intensive Erfahrungen zu machen.
Die Liste von Einzelbeispielen in der Region ließe sich lange fortsetzen. Entscheidend für eine nachhaltige, effektive Entwicklung durch die Verbindung von „Events“ bzw. (Ausdauer)-Sport und Tourismus scheint jedoch die Berücksichtigung folgender Prinzipien und Kriterien, deren Beachtung es vereinfacht, bemerkenswerte Einzelprojekte zu einem sinnvollen Konzept zusammenzuführen:

  • Positionierung der Region als Sport- und Aktiv-Region: Heimat als Region des Erlebens und Mitmachens
  • Nachhaltigkeit nicht als unvermeidliche Worthülse, sondern als sichtbares und erlebbares Manifest eines aktiven Zusammenlebens: Presse-Arbeit, T-Shirts, Trikots, Tassen, organischer Ausbau der touristischen Infrastruktur etc.
  • Schulterschluss mit geeigneten Partnern aus Wirtschaft und Gesellschaft:
    a) in der Region (z.B. kommunale Allianzen)
    b) in den Kommunen (Vereine, Schulen, Kirchen, Verbände, Firmen)
    c) Partnerkommunen und –Regionen (auch im Ausland)
  • Offensiver Ausbau bereits vorhandener Strukturen (durch ergebnisoffene Forumskultur)
  • Verortung (Betonung von Topographie und Historie)
  • Verbindung bisher häufig isolierter Bereiche (Sport und Kultur): Strukturen stehen nicht in Konkurrenz, sondern bilden ein Netz, dessen Elemente sich gegenseitig stützen.
  • Events sind kein Selbstzweck, sondern Katalysator zur Belebung unserer „weichen Infrastruktur“.
  • Veranstaltungen erhalten ein Alleinstellungsmerkmal.
  • Positiv-Beispiele kreativ auf Heimat transponieren
  • Kritische Betrachtung des Verhältnisses Aufwand / Nutzen

Der Aufbau eines sinnvoll strukturierten Netzes von „Weichen Faktoren“ stellt einen attraktiven, kostengünstigen Weg dar, aus unserer Heimat Wertschöpfung und Identität zu generieren. Die „Hardware“ entsteht dann flächendeckend organisch und nicht – wie im Falle von Center Parcs – synthetisch monströs.

Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen?

Armin Jechnerer

 

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